Der historische Turm Belvédère zu Hohenrain - ein "Lustgebäude"


Im Sommer 1829 wurde auf Initiative des erst 20-jährigen Louis Napoleon ein Aussichtsturm gebaut, das „Belvédère zu Hohenrain“.

 

Die Errichtung des historischen Turms „Belvédère“ im Jahr 1829 geht auf die Initiative des jungen Prinzen Louis Napoleon, des späteren Kaisers Napoleon III., zurück, der zu jener Zeit auf Arenenberg gelebt hat.

Zusammen mit Charles Parquin, Freund und Besitzer der Fremdenpension Wolfsberg, gründete er eine Aktiengesellschaft, die das „Bélvédère zu Hohenrain“ bauen liess.

 

Allerdings existieren keine direkten schriftlichen Quellen, die Louis Napoleon als Initiant für den Turm bestätigen. Wir wissen das lediglich aus Sekundärliteratur und aus mündlicher Überlieferung.



 Jakob Hugentobler, ehemaliger Verwalter des Schlosses, hat das zum Beispiel im Thurgauer Jahrbuch 1933 so beschrieben.

 


C.F. Meyer schreibt in den "Thurgauer Beiträgen zur Vaterländischen Geschichte" 1933:

"Jakob Hugentobler hat in einem Artikel in der Thurgauer Zeitung vom 5. September 1931 auf den Bericht von J.A. Buchon, der im Winter 1832 auf Arenenberg war, aufmerksam gemacht. Darnach soll der Prinz den Ort selbst ausgesucht haben, und er und die Bewohner der umliegenden Schlösser hätten die Kosten für den Turm aufgebracht. Sicher ist, dass die Initiative aus der Gegend von Ermatingen kam, denn die Regierungsdelegation ging 1829 zur Besprechung dorthin."

Falls Louis Napoleon auch finanziell zum Bau des Turmes beigetragen hat (es gibt auch keine Zahlungsbelege), dann wird wohl in Tat und Wahrheit seine Mutter Hortense ins Portemonnaie gegriffen haben. So war und ist es eben oft bei Zahlungen von Zwanzigjährigen.


Zimmermann Peter aus Egelshofen bei Altenklingen erbaute den Holzturm für 650 Gulden. Zur Deckung der Kostenüberschreitung (das gab's also schon damals)  musste noch eine Nachzahlung von 200 Gulden geleistet werden. 

Mit einer Höhe von 21 Metern (70 Fuss) überragte der Turm den niedrigen Buschwald, so dass sich ein eindrücklicher 360-Grad-Rundblick bot.

Der Wald ist heute 30 m hoch, da gäbe es vom historischen Turm aus nicht mehr viel zu sehen - das ist auch der Hauptgrund, weshalb der heutige Turm nicht als Kopie des historischen nachgebaut werden konnte.

 

Zusammen mit seiner Mutter Hortense und den illustren Gästen des Schlosses Wolfsberg (u.a. Franz Liszt) soll der künftige französische Kaiser den Rundblick ins Land jeweils sehr genossen haben.

 

Wer den Turm als Privatperson besteigen wollte, musste allerdings den Betrag von 6 Kreuzern aufbringen, was etwa drei Stundenlöhnen entsprach (Hand aufs Herz: würden Sie das heute bezahlen...?).



Der Turm war als "Lustgebäude" brandversichert - auf der unteren Plattform sollen sich eine Tanzfläche, auf der mittleren ein kleines Restaurant und auf der oberen ein Fernrohr befunden haben. War nun wohl die Lust am andern Geschlecht, am feinen Essen oder an der schönen Aussicht gemeint...?

Dem leicht gebauten hölzernen Turm setzten mit den Jahren Verwitterung und Fäulnis stark zu. Für eine Sanierung fehlte aber das Geld, der Turm wurde 1850 an den Engländer George Treherne verkauft.

Nach mündlicher Überlieferung hätte er gerne bei Hohenrain gebaut. Das wurde ihm aber verwehrt, worauf er sich entschloss, in Mühlberg bei Raperswilen einen Herrschaftssitz zu erstellen und den Turm 1855 abzubrechen.

 


Der historische Standort

Sulzbergerkarte von 1835

 

Dufourkarte von 1850

Der historische Turm befand sich nicht genau am heutigen Standort, sondern rund 100m weiter nördlich.


Auf dieser ersten OL-Karte vom Seerücken 1972 ist der Grenzstein eingezeichnet, der seinerzeit dem Kartographen Johann Jakob Sulzberger zur Vermessung und Zeichnung der ersten Thurgauer Landkarte gedient hatte.

 

Dieser Grenzstein stand schon vor fast 200 Jahren unmittelbar neben dem historischen Napoleonturm.

Erste OL-Karte des Seerückens; aufgenommen 1972 von Heiri Greminger. Thurgorienta.
Erste OL-Karte des Seerückens; aufgenommen 1972 von Heiri Greminger. Thurgorienta.

1972 hatten sich die Bagger der Ziegeleien Istighofen und Berg, die hier den begehrten Glimmersand abbauten, schon bis unmittelbar vor den historischen Standort gefressen; ein Jahr später fiel er mitsamt den Überresten einer bronzezeitlichen Siedlung den gezähnten Baggerschaufeln zum Opfer.

 

Diese heutigen Kartenausschnitte zeigen den heutigen und den historischen Standort jeweils genauer:

Relief-schummerung

Vermessungs-

plan

Landeskarte

OL-Karte

Orthofoto


Hier also stand der historische Aussichtsturm, genau genommen in 15 m Höhe.

Der Rand der Sandgrube. Der historische Turm stand in Blickrichtung etwa 100m weiter hinten.



Nicht auf Sand gebaut...

... genau genommen eben doch. Zwar stand der Turm an der höchsten Stelle auf einem Stein-Fundament aus Gneis, darunter lag aber der begehrte Glimmersand, der wegen seiner mineralischen Qualitäten wie beschrieben von den Ziegeleien Berg und Istighofen abgebaut wurde, und zwar 15 m tief.

rechts der Grundriss

des historischen Turms

 

hier ein Eckfundament aus massivem Gneis



Grabungen an der hallstattlichen Siedlung 1973.

 

Der historische Napoleonturm stand früher an der rot markierten Stelle.

 

Fotos vom Amt für Archäologie TG
Fotos vom Amt für Archäologie TG


Die beiden Infotafeln

In Zusammenarbeit mit dem Amt für Archäologie haben wir das Wichtigste auf zwei Infotafeln zusammengefasst:

beim heutigen Standort:

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AATG Infotafel neuer Turm.pdf
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beim historischen Standort:

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AATG Infotafel historischer Standort.pdf
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"Hand-Book For Travellers In Switzerland 1838"

Eine ganz besondere Mail bekamen wir von Neil Jones aus Manchester, England:

Hi
I'm currently writing a book following the first proper travel guide to Switzerland, written in 1837 ...

1837 erschien ein renommierter Reiseführer über die Schweiz von John Murray, in dem er die wichtigsten Reiserouten der Schweiz beschrieben hatte.


Neil Jones fährt nun alle diese Routen mit dem Velo ab und beschreibt diese Reisen aus heutiger Sicht.

Die Route 9 "Zurich to Constance, by Winterthur" führte am historischen Napoleonturm vorbei - und Neil war mehr als erstaunt, als er bei Hohenrain auf die Baustelle des neuen Turms und in der Folge auf unsere Website stiess:

... the photographs look fantastic - I am so glad that I revisited Hohenrain in January, as I would never have known about this amazing project.  
It's incredible to think that people can now go back in time to the 1830's and I can't wait to climb the Tower. 
Congratulations once again to you and everybody involved! 
Neil Jones