Der historische Turm Belvédère zu Hohenrain


Im Sommer 1829 wurde auf Initiative von Charles Parquin, der als Leiter der Fremdenpension Wolfsberg seinen Gästen einen Aussichtsturm bieten wollte, und seines erst 20-jährigen jugendlichen Freundes und Bewunderer Louis Napoleon auf dem Seerücken das „Belvédère zu Hohenrain“ gebaut.

Lithographie von F. Pecht und G. Gersbach, 1831
Lithographie von F. Pecht und G. Gersbach, 1831

Die Errichtung des historischen Turms „Belvédère“ im Jahr 1829 geht also auf die Initiative von diesen beiden Personen zurück, die zusammen eine Aktiengesellschaft zum Bau des Turmes "Belvédère" gründeten:

  • Charles Parquin, ehemaliger glühender Offizier der Grande Armée und nun Leiter der Fremdenpension Wolfsberg  und sein Freund
  • Louis Napoleon vom Schloss Arenenberg, damals erst 20-jährig, ein Bewunderer Parquins und späterer Kaiser Napoleon III. 

Das nötige Geld (650 Gulden; nach heutiger Kaufkraft knapp 100'000.-) wurde im Kreis der befreundeten französischen Exilanten gesammelt. Louis Napoleons Mutter Hortense wird wohl einen Grossteil der Finanzen beigesteuert haben.



  1. Die Gründung der Aktiengesellschaft (1829): Louis Napoléon und Charles Parquin (Besitzer der nahegelegenen Fremdenpension Wolfsberg) gründeten im Frühjahr 1829 eine formelle Aktiengesellschaft. Dieses geschäftliche Dokument belegt Parquins rechtliche Rolle als treibender Mitgründer und Aktionär.
  2. Die amtliche Brandversicherungsurkunde (1829): Direkt nach der Fertigstellung wurde der Turm bei der kantonalen Gebäudeversicherung offiziell als «Lustgebäude» registriert und versichert.

Parquin war wohl anfangs die treibende Kraft (in Wäldi nannte man den Turm später "Parquin-Turm"; Louis Napoleon hat sich insbesondere der Ausführung und der Finanzierung engagiert.

Der französische Historiker und Geschichtsforscher J. A. Buchon, der 1834 auf Arenenberg zu Besuch weilte, hatte es so formuliert:

J.A. Buchon; aus "Quelques souvenirs de courses en Suisse..." 1836
J.A. Buchon; aus "Quelques souvenirs de courses en Suisse..." 1836

 Jakob Hugentobler, ehemaliger Verwalter des Schlosses Arenenberg, hat den Turmbau im Thurgauer Jahrbuch 1933 so zusammengefasst.


Der Bau


anonymer Stich; publiziert auf der Rückseite des Buches "Gemälde der Schweiz XVII, der Kanton Thurgau" von J. A. Pupikofer 1837
anonymer Stich; publiziert auf der Rückseite des Buches "Gemälde der Schweiz XVII, der Kanton Thurgau" von J. A. Pupikofer 1837

Zimmermann Peter aus Egelshofen bei Altenklingen erbaute dann den Holzturm für 650 Gulden. Zur Deckung der Kostenüberschreitung (das gab's also schon damals) musste noch eine Nachzahlung von 200 Gulden geleistet werden. 

 

Mit einer Höhe von 21 Metern (70 Fuss) überragte der Turm den niedrigen Buschwald, so dass sich ein eindrücklicher 360-Grad-Rundblick bot.

Der Wald ist heute 30 m hoch, da gäbe es vom historischen Turm aus nicht mehr viel zu sehen - das ist auch der Grund, weshalb der heutige Turm nicht als Kopie des historischen nachgebaut werden konnte.

 

Zusammen mit seiner Mutter Hortense und den illustren Gästen des Arenenbergs soll der künftige französische Kaiser den Rundblick ins Land jeweils sehr genossen haben - aber auch die Gäste der Fremdenpension Wolfsberg kamen auf ihre Rechnung!


Eintrag im Brandassekuranzkataster der Gemeinde Wäldi


Die Einträge im Brandassekuranzkatataster dem Gemeinde Wäldi lauten wie folgt:

  • Art des Gebäudes: Lustgebäude
  • Gattung des Gebäudes: Thurm
  • Lage und Benennung: unweit dem Ort
  • Art der Bedachung: in Schindeln
  • endliche Schatzung: 800 (Gulden)
  • Bemerkungen: ganz neü Anno 1829 aufgebauen

 

 

Der Turm - ein "Lustgebäude"


Der Turm war wie gesagt als "Lustgebäude" im Brandassekuranzkataster eingetragen - auf der unteren Plattform befand sich eine Tanzfläche, auf der mittleren ein kleines Restaurant (wofür die örtlichen Bäuerinnen das Catering übernahmen) und auf der oberen ein Fernrohr.

Lithografie von Friedrich Pecht und Gabriel Gersbach 1831
Lithografie von Friedrich Pecht und Gabriel Gersbach 1831

Aber kein "entrée gratuite" wie heute!


 

Wer den Turm als Privatperson besteigen wollte, musste allerdings den Betrag von 6 Kreuzern aufbringen, was etwa drei Stundenlöhnen entsprach. Das wären also nach heutiger Kaufkraft gerechnet rund 100 Franken.

 

(Der Aufstieg zum heutigen Turm ist ja kostenlos - aber für 100.- können Sie Mitglied im Trägerverein werden!)

6 "Kreüzer" aus dem Jahre 1808, dem Geburtsjahr von Louis Napoleon
6 "Kreüzer" aus dem Jahre 1808, dem Geburtsjahr von Louis Napoleon

Verwittert und verfault... - das bittere Ende


Amt für Archäologie TG
Amt für Archäologie TG

"Abgebrochen 1855"
"Abgebrochen 1855"

"Abgebrochen 1855" - dem leicht gebauten und schlecht abtrocknenden hölzernen Turm setzten mit den Jahren Verwitterung und Fäulnis stark zu. Für eine Sanierung fehlte der Betreibergesellschaft jedoch das Geld: Hortense als Haupt-Financière war verstorben, Parquin konkurs gegangen - und obendrein sassen die beiden Gründungsmitglieder Louis Napoleon und Charles Parquin nach dem zweiten misslungenen Putschversuch von Boulogne-sur-Mer hinter Schloss und Riegel - ausgerechnet unsere beiden Turmbauer...!

 

So wurde das Gelände mit dem baufälligen Turm 1850 an den innovativen, aber auch eigenwilligen englischen Edelmann und Botaniker George Treherne-Thomas verkauft, der damals im "Schattenloch" auf Schloss Hard bei Ermatingen lebte. Er hätte sich nämlich gerne auf Hohenrain ein neues sonniges Schlösschen mit guter Fernsicht gebaut.

 

Das scheiterte aber am Widerstand der Anwohner und der Gemeinde Wäldi, die zu hohe Erschliessungskosten befürchtete und Treherne die Baubewilligung versagte - so dass dieser frustriert und trotzig das Belvédère abbrennen und abbrechen liess und das Areal erneut verkaufte.

KI hat das so visualisiert
KI hat das so visualisiert

Ein edles Schlösschen bei Raperswilen


Nun verwirklichte sich Treherne seinen Traum vom Märchenschloss mit Luftkuranstalt beim Weiler Müllberg westlich von Raperswilen.

Die Faszination für die schöne Fernsicht blieb dabei erhalten: Treherne nahm das alte Fernrohr vom Belvédère mit und platzierte es auf einem drehbaren Gestell mit Panorama oben auf seinem neuen 20 m hohen Schlossturm, den er übrigens dreimal hatte aufbauen lassen, bis er ihm endlich gefiel.

Schloss Müllberg - Stich A. Imfeld
Schloss Müllberg - Stich A. Imfeld

Leider ist von diesem Schlösschen heute nichts mehr zu sehen; es brannte 1914 nach der Überhitzung eines Badeofens vollständig ab.

Die Grabplatte Treherns an der Kapelle Raperswilen


Die "letzten Spuren" des letzten Belvédère-Besitzers, nämlich die Grabplatte von George Treherne, finden wir heute links neben dem Seiteneingang der Kapelle Raperswilen (auch wenn der Steinmetz den walisischen Doppelnamen Treherne-Thomas offensichtlich falsch eingemeisselt hatte...).


Der genaue Standort des historischen Turms


Landeskarte von 1970
Landeskarte von 1970

Auf der Landeskarte von 1970 ist der Triangulationspunkt eingezeichnet, wo früher das historische Belvédère stand.

Erste OL-Karte des Seerückens; aufgenommen 1972 von Heiri Greminger. Thurgorienta.
Erste OL-Karte des Seerückens; aufgenommen 1972 von Heiri Greminger. Thurgorienta.

Auf dieser ersten OL-Karte vom Seerücken 1972 ist der Grenzstein eingezeichnet, der seinerzeit dem Kartographen Johann Jakob Sulzberger zur Vermessung und Zeichnung der ersten Thurgauer Landkarte gedient hatte.

Dieser Grenzstein stand schon vor fast 200 Jahren unmittelbar neben dem historischen Napoleonturm.



der genaue Standort des ehemaligen Napoleonturms auf der heutigen OL-Karte. Der schwarze Punkt bezeichnet einen Stein. Es ist wahrscheinlich ein übriggebliebener Fundamentstein.
der genaue Standort des ehemaligen Napoleonturms auf der heutigen OL-Karte. Der schwarze Punkt bezeichnet einen Stein. Es ist wahrscheinlich ein übriggebliebener Fundamentstein.

Ein Eckstein des historischen Turms


Im Garten der Familie Gerber in Hohenrain steht noch ein Eckstein des historischen Turms Belvédère:

der ehemalige Eckstein
der ehemalige Eckstein
die Tafel an diesem Stein
die Tafel an diesem Stein
der Eckstein des alten vor dem neuen Turm
der Eckstein des alten vor dem neuen Turm

Nicht auf Sand gebaut...


... genau genommen eben doch. Zwar stand der Turm an der höchsten Stelle auf einem Stein-Fundament aus Gneis, darunter lag aber der begehrte Glimmersand, der wegen seiner mineralischen Qualitäten von den Ziegelei Berg abgebaut wurde, und zwar 15 m tief.

1973 fielen die Fundamente und Überreste einer grossen bronzezeitlichen Höhensiedlung den gezähnten Baggerschaufeln zum Opfer.

der Grundriss des historischen Turms; Amt für Archäologie TG
der Grundriss des historischen Turms; Amt für Archäologie TG

ein übriggebliebener Fundamentstein beim Standort des ehemaligen Napoleonturms. Wahrscheinlich ist es der orange eingekreiste auf dem oberen Grundriss
ein übriggebliebener Fundamentstein beim Standort des ehemaligen Napoleonturms. Wahrscheinlich ist es der orange eingekreiste auf dem oberen Grundriss

Ein Modell des ehemaligen Napoleonturms im Massstab 1 : 10


David Wolfer mit dem Modell des ehemaligen Napoleonturms
David Wolfer mit dem Modell des ehemaligen Napoleonturms

Die beiden Infotafeln zum neuen und zum historischen Napolenturm


In Zusammenarbeit mit dem Amt für Archäologie haben wir das Wichtigste auf zwei Infotafeln zusammengefasst:

beim heutigen Standort:

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AATG Infotafel neuer Turm.pdf
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beim historischen Standort:

Download
AATG Infotafel historischer Standort.pdf
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"Hand-Book For Travellers In Switzerland 1838"


Eine ganz besondere Mail bekamen wir von Neil Jones aus Manchester, England:

Hi
I'm currently writing a book following the first proper travel guide to Switzerland, written in 1837 ...

1837 erschien ein renommierter Reiseführer über die Schweiz von John Murray, in dem er die wichtigsten Reiserouten der Schweiz beschrieben hatte.


Neil Jones fährt nun alle diese Routen mit dem Velo ab und beschreibt diese Reisen aus heutiger Sicht.

Die Route 9 "Zurich to Constance, by Winterthur" führte am historischen Napoleonturm vorbei - und Neil war mehr als erstaunt, als er bei Hohenrain auf die Baustelle des neuen Turms und in der Folge auf unsere Website stiess:

... the photographs look fantastic - I am so glad that I revisited Hohenrain in January, as I would never have known about this amazing project.  
It's incredible to think that people can now go back in time to the 1830's and I can't wait to climb the Tower. 
Congratulations once again to you and everybody involved! 
Neil Jones