Schloss Wolfsberg


Gräberfeld aus der Eisenzeit, ca. 500 v.Chr.

OL-Karte "Seerücken", 2016, thurgorienta

Karte aus Karl Keller Tarnuzzer, Hans Reinert; Urschichte des Thurgaus, Frauenfeld 1925, S. 205

Erste menschliche Spuren finden sich auf dem Wolfsberg aus der späten Hallstatt-Zeit: es sind einige Grabhügel mit Brandbestattung aus der Zeit, als auch auf dem Hohenrain Kelten gelebt hatten.

Diese Gräber wurden schon 1897 ausgegraben; zum Vorschein kamen einige Urnen und Scherben.


Lassen Sie also Ihre Spaten zuhause, Sie werden nichts mehr finden, höchstens die Spuren der schweren Waldmaschinen, die die flachen Grabhügel fast plattgewalzt haben - das tut irgendwie weh.

Gehen Sie doch wenigstens einmal schauen, wo es gewesen ist.

Quellen: Karl Keller Tarnuzzer, Hans Reinert, Urschichte des Thurgaus, Frauenfeld 1925

Archäologie im Thurgau, Amt für Archäologie, Huber, 2010, S. 282


Kein Wolf - sondern Wolf Walter von Gryffenberg...

... hat dem Wolfsberg den Namen gegeben.

Dieser streitbare Junker hatte den Weiler Lanterswilen (nordöstlich des heutigen Wolfsberg) 1570 erworben, doch hegte er bedeutend edlere Wohnansprüche.

Lanterswilen vom Wolfsberg aus - da versteht man, dass von Gryffenberg dem Nebel entschwinden wollte...
Lanterswilen vom Wolfsberg aus - da versteht man, dass von Gryffenberg dem Nebel entschwinden wollte...

das Schloss im heutigen Zustand


So kaufte er Land dazu und liess ein richtiges Schloss errichten - womit er sich aber überschuldete und das Gut 1595 wieder abstossen musste.

Diese Sicht über den Untersee bietet sich übrigens bei schönerem Wetter!
Diese Sicht über den Untersee bietet sich übrigens bei schönerem Wetter!

Unter Friedrich Gelderich von Siegmarshofen wurde Wolfsberg sogar ein Freisitz (das heisst, er hatte eine eigene Gerichtsbarkeit). Gelderich spendete ums Jahr 1600 Ermatingen 500 Gulden für die Einrichtung einer Freischule, in der die Schüler kein Schulgeld mehr zahlen mussten und die damit auch ärmeren Kindern offen stand.


Die erste Kutsche von Johannes Zollikofer

anonymes Aquarell, wohl 1811

C. Stäheli, Schloss Wolfsberg bei Ermatingen,

GSK Bern, S. 7

1731 gelangte der Wolfsberg in den Besitz von Johannes  Zollikofer von Altenklingen. Das nebenstehende Aquarell stammt aus etwas späterer Zeit, doch man erkennt den noch heute existierenden Weg von 1744 hinauf zum Schloss. Zollikofer mit Stammsitz auf dem Schloss Altenklingen war der erste Kutschenbesitzer im Thurgau.

Dieser Zufahrtsweg von Johannes Zollikofer existiert noch heute und wird auch gepflegt, doch kaum mehr benutzt.



Gebührende Noblesse für den Bankier - schon damals

 

 

Heute nennt man dieses Gebäude Parquinhaus - obwohl Charles Parquin erst der nächste Besitzer sein sollte.

 

Gebaut hat es der Amsterdamer Bankier Jean Jacques Högger neben dem Schloss mit der "gebührenden Noblesse", wie es sich für einen richtigen Bankier geziemt.



Charles Parquin, Freund der napoleonischen Familie

Louise Cochelet und Charles Parquin

C. Stäheli, Schloss Wolfsberg bei Ermatingen, GSK Bern, S. 8

 

Jetzt kamen die Franzosen ins Spiel: Charles Parquin war Offizier und glühender Verehrer von Napoleon I. gewesen. Bald genoss auch er die Gastfreundschaft von Königin Hortense in ihrem Arenenberger Exil - und heiratete ihr gleich ihre Kammerdienerin Louise Cochelet weg.

1824 kaufte er (wohl auf Anraten von Hortense, die kaum Platz für ihre vielen Gäste hatte) den Wolfsberg, baute ihn teilweise  nach dem Vorbild von Arenenberg um und richtete die erste mit allem Komfort ausgestattete Fremdenpension ein, die dann auch zahlreiche Arenenberger Gäste beherbergte.


Bäder, Stallungen, Remisen, Pferde, Caleschen, Schiffe, Jagden, Fischentzen, Journale, Billards, Gärten und Spaziergänge...

... stehen zu Diensten der Gäste, wie es Parquin in einem Prospekt formuliert hatte.

 

Für den Genuss dieser Herrlichkeiten bezahlte der Fremde 140 Gulden monatlich plus 35 für den Bediensteten (ein üblicher Tageslohn betrug damals weit weniger als

1 Gulden).

 

 

Lithographie von Gearbes Viars 1828; C. Stäheli, Schloss Wolfsberg bei Ermatingen, GSK Bern, S. 11
Lithographie von Gearbes Viars 1828; C. Stäheli, Schloss Wolfsberg bei Ermatingen, GSK Bern, S. 11

Charles Parquin: Mitinitiant des historischen Napoleonturms

der historische Napoleonturm Belvédère; anonymer Stich
der historische Napoleonturm Belvédère; anonymer Stich

Charles Parquin, zwar 22 Jahre älter als Louis Napoleon, unterhielt mit ihm eine enge Freundschaft, und an einem Stammtisch wird es wohl gewesen sein, dass die beiden auf die Idee eines Aussichtsturmes "Belvedère" auf Hohenrain gekommen waren (schriftliche Originaldokumente darüber existieren nicht, nur Sekundärliteratur sowie mündliche Überlieferung).

Sie gründeten eine AG, sammelten bei ihren Freunden auf den umliegenden Schlössern Geld und liessen den Turm 1829 erstellen.

 

Alles Wissenswerte über dieses "Lustgebäude" lesen Sie hier.

vom südlichen Parkplatz aus sieht man den neuen Napolenturm
vom südlichen Parkplatz aus sieht man den neuen Napolenturm

So thront der Napoleonturm heute hoch über dem Wolfsberg ...
So thront der Napoleonturm heute hoch über dem Wolfsberg ...
... und so sieht man den Wolfsberg vom Turm aus.
... und so sieht man den Wolfsberg vom Turm aus.

Sommer-Eis für den Glacier und die Kühlschränke

Hier befindet sich der Eiskeller. Er ist öffentlich zugänglich und kann leicht von der Strasse aus besichtigt werden.

Parquin liess einen Eiskeller zum Teil aus dem Fels schlagen und zum Teil aufmauern, er hat ein Volumen von ca. 170 Kubikmetern und fasste rund 100 Wagenladungen Eis!


Eisblöcke sägen im Ermatinger Eisweiher;

Foto www.ermatingen-tourismus.ch

Dieses Eis wurde in den umliegenden Weihern und im See gebrochen resp. herausgesägt und dann im Eiskeller eingelagert. Es soll das ganze Jahr über nicht geschmolzen sein.

Auch das Schloss Arenenberg verfügte über einen Eiskeller; die Fischhandlung Läubli in Ermatingen lagerte solche Eisblöcke in einem Nebenraum ein, gut isoliert mit Sägemehl und Weizenspreu. Allerdings bekomme ich verschiedene Antworten von alten Fischern, wie lange es denn gehalten habe; ich fasse diese einmal zusammen mit "bis weit in den Sommer hinein".

 


Die Infotafel im Eiskeller:

"Der Eiskeller des Wolfsbergs wurde in den Jahren 1825-1830 vom damaligen Schlossbesitzer Charles Parquin erbaut. Er besteht aus einem gemauerten, eiförmig gewölbten Raum, dessen unterster Teil direkt in den gewachsenen Fels eingetieft wurde. Im Boden befindet sich eine kreisrunde Senke, die der Versickerung des Schmelzwassers diente. Die grösste Höhe beträgt 8 Meter, der grösste Durchmesser 5 Meter. Der Keller fasste rund 100 Gestellwagen Eis. 

Grund- und Aufriss; Infotafel im Eiskeller

Blick in die Tiefe


Der Eiskeller ist ein ausserhalb des Hauses, an unbesonnter Lage, meist unterirdisch angelegter Raum, in dem man Natureis während des ganzen Jahres aufbewahren konnte. Das Eis wurde im Winter in den umliegenden Weihern und Seen mit speziellen Werkzeugen in grossen Blöcken gebrochen. Es wurde als Kühlmittel für die sich im Haus befindlichen hölzernen Kühlschränke verwendet. Mit der Erfindung der Kältemaschine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verloren die Eiskeller ihre Bedeutung.

Der Eiskeller des Wolfsberg wurde in den Jahren 2006/07 unter Beizug der Denkmalpflege des Kantons Thurgau restauriert."

Das ist der Eisweiher im Horn bei Ermatingen heute. Die Bretter schützten vor Wellenschlag, so dass das Wasser schnell gefrieren konnte.

 

Als dann kein Eis mehr gesägt wurde, wurde der Eisweiher zur Natureisbahn: Wie viele herzige Mädchen haben dort mit ungelenken Bewegungen Eislaufen gelernt, wie viele vorwitzige Knaben sind auf dem dünnen Eis eingebrochen, wie viele Dorfneuigkeiten wurden dort ausgetauscht, wie viele Pucks sind untergegangen und wie viele Hockeystöcke zerbrochen: es war HERRLICH, für alle! Wir haben jede freie Minute auf dem Eis zugebracht und Hockey gespielt, bis das Schmelzwasser zentimetertief auf dem Eis lag.

Ein solches Feeling hat sich später in der Bodenseearena nie wieder eingestellt.

Heute verlandet der Eisweiher, die Bretter verfaulen und zerfallen. Wie schade, dass die Gemeinde nicht bereit ist, den Eisweiher zu sanieren und alle paar Jahre wieder frisch auszubaggern - so geht ein wichtiges Stück Dorfkultur verloren.

Da machen es die Alterswiler besser, wenn die Bommer Weiher gefrieren:

Ein Anstösser pfadet zwei Hockeyfelder (eines für die Jungs, eines für deren Väter), am Vormittag kommen der Kindergarten und die Primarschule aufs Eis, der Wirt hat eine Tanse voll heissen Tee ans Ufer gestellt, am Nachmittag kurven junge Mütter mit ihren Kinderwagen übers Eis, die Sekschüler jagen dem Puck hinterher, für die Jugi am frühen und die Turnvereine am späteren Abend hat jemand eine kleine Flutlichtanlage installiert, und zu dem allem kommt der Sonnenwirt mit einer Raclette-Bar!



So, jetzt aber wieder zurück von der Dorf- zur Weltgeschichte:

Lebenslange Fernsicht an die Zellenmauer

Lebenslange Fernsicht auf die Schweizer Alpen sollte Charles Parquin nicht vergönnt sein...

Die Ausgaben für den Unterhalt und Betrieb seiner drei Schlösser Sandegg, Salenstein und Wolfsberg überstiegen Parquins finanzielle Möglichkeiten (er liess sogar das halbe Schloss Salenstein abbrechen, um Unterhaltskosten zu sparen!), und während der Krankheitszeit und nach dem Tode von Hortense dürften auch immer weniger französische Gäste nach Wolfsberg gekommen sein - 1839 kam es zum Konkurs.


So beteiligte er sich an den beiden Putschversuchen von Louis Napoleon in der Hoffnung, auf diese Weise dereinst einen einträglichen Job zu ergattern - doch beide Putschversuche scheiterten, und nach dem zweiten wurde Parquin zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Die restlichen 20 Jahre seines Lebens sass er in einer Zelle im Gefängns von Doullens bei Amiens ein. Bitter für einen Turmbauer und einst so stolzen Offizier der "grande armée"!


Der Wolfsberg als Kurhotel

Falt-Postkarte von 1910; C. Stäheli, Schloss Wolfsberg bei Ermatingen, GSK Bern, S. 14

Karl Bürgi-Ammann aus der Hotelierfamilie, die das erste Gipfelhotel auf der Rigi betrieb, führte das Schloss ab 1865 als Kurhotel weiter.

Sein Sohn Karl Bürgi-Trescher stattete als Antiquitätensammler die Trinkstube im Schloss aus und entdeckte und erforschte als Hobby-Archäologe die nahe gelegenen (oben erwähnten) eisenzeitlichen Grabhügel.

Während des 1. Weltkrieges blieben dann aber die Gäste aus; das Schloss musste verkauft werden.


Ein geheimnisumwobener "Spezialmeyer"

Paul Eduard Meyer, Jurist und Schriftsteller unter dem Pseudonym Wolf Schwertenbach, erwarb das Schloss 1938. Während des 2. Weltkrieges wurde er Mitarbeiter des militärischen Nachrichtendienstes und damit mit delikaten Angelegenheiten betraut. Der Wolfsberg wurde zu einer Drehscheibe von geheimen Kontakten mit dem Dritten Reich.

Jetzt möchten Sie natürlich gerne wissen, was denn da so alles abgegangen ist (ich ja auch!): aber wie gesagt, das blieb geheim...



Ausbildungszentrum der UBS

Lageplan aus www.wolfsberg.com

 

1970 erwarb UBS das historische Anwesen und gestaltete es zu einem Konferenz- und Begegnungszentrum um. 1975 wurden das neu erbaute Zentrum sowie die vollständig renovierten Gebäude dem Betrieb übergeben. Seit 2008 verfügt der Wolfsberg ausserdem über einen neuen Hoteltrakt.

 

Besuchen Sie das Ausbildungszentrum, wenn nicht wirklich, so doch virtuell auf www.wolfsberg.com.

 




Literatur

Es sind gleichzeitig die Quellangaben und meine persönlichen Lesetipps:

 

 

Cornelia Stäheli, Schloss Wolfsberg. Schweizerische Kunstführer,

GSK Bern;

Bestellung hier

R. Abegg, P. Erni, A. Raimann: Rund um Kreuzlingen, die Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau; GSK Bern; Bestellung hier

 

hier sind die wichtigsten Besitzer und Ereignisse des Wolfsberges tabellarisch zusammengestellt:

 

Download
Besitzer des Wolfsbergs
-
Besitzer des Schlosses Wolfsberg.pdf
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Wieder einmal auf den Vita-Parcours gehen

Also denn: gehen Sie mit Ihren Kindern wieder einmal auf den Vita-Parcours beim Waldparkplatz des Wolfsbergs (sportlicher Tipp: die lange Treppe am Schluss nicht nur hinunter-, sondern auch hinaufrennen!). Nachher suchen Sie das hallstattliche Gräberfeld auf, werfen einen Blick auf die Parkanlagen, die bis heute die erwähnte "gebührende Noblesse" ausstrahlen, und zeigen Sie Ihren Kindern auch noch den Eiskeller.


Zuhause gibt's dann ein Glace, für das keine Ochsen tonnenschwere Eisschollen hatten den Berg hochziehen müssen.

 


Der Wolfsberg als Teil einer "Napoleon-Exkursion"

Es liegt auf der Hand: Wenn Sie mit Ihrer Klasse den Napoleonturm und das Napoleonmuseum besuchen, fahren Sie auf dem Weg beim Wolfsberg vorbei. (Ich habe hier beschrieben, wie Sie das kombinieren können).

Schauen Sie dort verstohlen die Schlossanlagen an (herumalbernde Schüler würden wohl nicht gern gesehen...) und besuchen Sie den Eiskeller, der liegt an der Strasse und dort stört das niemanden.


Wie funktioniert eigentlich ein Kühlschrank?

Das ist ein Kühlschrank aus den Tropen, der mit Kerosin betrieben wird. Unter dem Kühlschrank macht man ein Feuer und innen wird's kalt... das fasziniert mich noch heute.

Gehen Sie vom Eiskeller aus und stellen Sie die Frage, wie denn eigentlich heute ein Kühlschrank funktioniert.

 

Erklären Sie den Schülern im Schulzimmer wenigstens das Prinzip, mit einer Hand-Velopumpe, einer Sprühdose und den nebenstehenden Unterlagen kommen Sie schon weit.

Der Physiklehrer wird später staunen!

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Kälte erzeugen - Kühlschrank
-
Lektionen Kälte erzeugen - Kühlschränke.
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