Vom 11. bis in 15. Jahrhundert stand eine der grössten Burgen im Bodenseegebiet südlich von Tägerwilen: die Burg Castell (oder Castel, Chastel oder Kastel, man liest alle Varianten).


1. Bergfried - 2. Palas - 3. Nordwestturm - 4. Nebengebäude - 5 Tor - 6 Torzwinger - 7 inneres Tor - 8 Südostturm - 9 - Ostturm - 10 künstlicher Graben - 11 verlandeter Weiher
Bereits um die Mitte des 11. Jahrhunderts könnte ein Gebäude auf dem markanten Gebirgsrücken gestanden haben; schriftlich überliefert ist aber erst, dass der von 1111 - 1127 amtierende Konstanzer Bischof Ulrich I. die Burg als Zweitsitz und Zufluchtsort erbauen liess.
Sein Nachfolger Ulrich II. (1127– 1138), riss sie gleich wieder ab - entweder aus Angst, dass sich der anrückende Gegner Graf Rudolf von Bregenz dort verschanzen könnte oder aber als Teil der Abzugsbedingungen, so genau weiss man das nicht mehr.
Ab der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts dürfte die Burg wieder teilweise aufgebaut und bewohnt worden sein. Ab 1175 taucht die Ministerialienfamile "Herren von Kastel" auf.
Um 1200 wurde auch eine zweite Adels- und Ministerialenfamilie erwähnt, die sich nach der Burg benannte: die Schenken von Kastel.
Die Herren von Kastel gehörten lange zu den bedeutendsten Adelsgeschlechtern der Region: sie besassen auch die Neuburg bei Mammern und die Schauenburg bei Elgg.
Die Familie stellte beispielsweise die Äbte der Klöster Reichenau und Petershausen sowie die Landvögte von Nürnberg und St. Gallen.
Dietegen von Kastel muss ein besonders tapferer Ritter gewesen sein:
"Von Chastel und von Chlingeberch,
die sach man stiften heldes werch."
Ab 1350 scheint das Geschlecht aber ausgestorben zu sein.
Ministeriale nannte man Personen, die ein Hofamt des Bischofs versahen und das sie auch in ihrem Familiennamen führen durften:
Der (Mund)schenk war für die Getränke zuständig, der Truchsess für die Speisetafel, der Kämmerer für die Kleidung und der Marschall für die Stallungen.
Die Schenken von Kastel übten das Amt des Schenken ab 1200 zwei Jahrhunderte lang aus und kamen so zu ihrem Namen.
Nachher wandten sie sich aber der Abtei St. Gallen zu und lebten auf der Burg Ötlishausen bei Bischofszell.

Verschiedene Bischöfe bauten die Burg weiter aus und hielten sich häufig dort auf - nicht nur, während die Pest in Konstanz wütete...
Kastel wurde in dieser Zeit aus der Bischofshöri (dem Bischof zugeteilte Lehen) herausgelöst und bildete das Verwaltungszentrum der Herrschaft Kastel. In der Burganlage existierte ein grosser Keller zur Lagerung der Naturalabgaben.
Ab 1350 bevorzugten die Bischöfe allerdings Gottlieben als Zweitwohnsitz. Kastel wurde vernachlässigt und einmal in einem Lied mit einer vormals geliebten Frau vergleichen, die "siech bis uff den Tod" sei.
Im Jahre 1447 an St. Valentins Abend wurde zwischen Junker Manz Roggwyler zu Castel und seinen Angehörigen zu Tägerwylen die Offnung also erläutert:
Eine Offnung war sozusagen die Gemeindeordnung, in der Rechte und Pflichten gegenüber dem Vogt, aber auch innerhalb der Dorfgemeinschaft geregelt wurden. Der Name kommt daher, dass eine Gerichtsverhandlung resp. eine Gemeindeversammlung mit dem Vorlesen derselben eröffnet wurde.
Im Schwabenkrieg 1499 hatte der Bischof den Eidgenossen Neutralität zugesichert. Doch in seiner Burg Gottlieben gewährte er schwäbischen Truppen Quartier. Wütend über den vermuteten Wortbruch, schossen die Appenzeller unter dem Kommando von Ulrich Schenk von Kastel die Burg in Brand.
Sie wurde nie wieder aufgebaut.

Die Burgruine ist öffentlich zugänglich (aber nicht das Schloss):
Der Verein "Freunde der Ruine Castell" veranstaltet immer wieder ein Ruinenfest. Informationen über die Ruine, den Verein und das Fest finden Sie auf ihrer Website.
Der Verein bietet auch Ruinenführungen an. Auskunft erteilt gerne das Sekretariat der Gemeindeverwaltung.
Besuchen Sie auch die Webseite "Ruine Castel" der Schule Tägerwilen.
Es ist aber schon so: sparen Sie sich Ihren Minnegesang fürs Burgfräulein. Es sitzt nicht mehr in seinem steinigen fröstelig-kühlen Gemach der Ruine, sondern im kuschlig temperierten Sekretariat der Gemeindeverwaltung Tägerwilen. Eigentlich schade...

Die Lehenshöfe "Ober-Castel" gingen um 1580 in den Besitz des Konstanzer Junkers Konrad Vogt von Wartenfels über, der dort ein stattliches Wohnhaus errichten liess.
Nach verschiedenen Besitzerwechseln durfte ausnahmsweise der reformierte Tobias Zollikofer aus der Patrizierfamilie der Zollikofer (die Besitzer des Schlosses Altenklingen) dem katholischen Bischof die Anlage belehnen.
Kurz vor seinem Tod stiftete Tobias Zollikofer ein Legat, aus dem das Schulgeld für die hausarmen bürgerlichen Kinder und die Kinder von Hintersassen bezahlt werden sollte - diese Stiftung bestand bis ins 19. Jahrhundert.
Sein wohlbetuchter Sohn Daniel Hermann Zollikofer liess bis 1725 eine Villa im Renaissancestil erbauen, die fortan Schloss Castell genannt wurde.
Schlussendlich gelangte es in den Besitz der Geschwister von Scherer, einem angesehenen St. Galler Patriziergeschlecht.
Johann Dietrich Zollikofer, dem Sohn von Daniel Hermann, trauerten die Tägerwilen nach seinem Wegzug wohl nicht nach.
Er war immer mit der Gemeinde in Streit verwickelt, da er sich nicht an die Waldbenützungs- und Holzregeln gehalten hatte, seine Pferde an unerlaubten Orten weiden liess, illegal Bauern und Rebleute beschäftigt hatte, seine Lehensleute schlecht behandelt hatte und seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachgekommen war...
Mehr Freude hatten die Tägerwiler an Albertine und Henriette Scherrer; sie wurden von der Gemeinde für besondere erwiesene Wohltaten in der Gemeind ausgezeichnet:
- für die Stiftung der Mädchen-arbeits- und Kleinkinderschule
- für die Versorgung der Bedürftigen während der Hungersnot 1816/17 mit einer Armensuppe
- für die gute Pflege der Liegenschaften und der Strassen
- und für die Entrichtung der Hälfte der Gemeindesteuern...
Albertines Enkel Baron Max von Scherer baute in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Schloss Castell zur imposantesten historischen Anlage der Ostschweiz aus:
Diesen Ostturm liess Max von Scherer übrigens nur deshalb errichten, weil das Schloss sonst von Konstanz aus wie eine Kirche ausgesehen hätte...
Später vererbte er den gesamten Besitz an Walther von Stockar, in dessen Familienbesitz das Schloss bis heute ist - auch wenn er seinen Wohnsitz in Malta bevorzugt...
Tägerwilen -
Ein Thurgauer Dorf im Wandel der Zeit
P. Giger, E. König, M. Surber
(Schon fast ein "Muss" für Tägerwiler EinwohnerInnen! -
Bezug auf der Gemeindeverwaltung Tägerwilen)
Wenn Sie sich für die Geschichte Tägerwilens interessieren, empfehle ich Ihnen diese Neuauflage des Buches von Paul Bär, in dem er die Geschichte Tägerwilens anhand der einzelnen historischen Gebäude aufzeigt.
Beziehen Sie es auf der Gemeindeverwaltung Tägerwilen.