(Wein)handel und Handwerk


Trotz der primitiven Verkehrsverhältnisse, der gesteigerten Erhöhung der Zölle und andrer Hemmnisse hob sich namentlich der Handel mit Wein nach Schwaben und brachte einzelne

Familien zu nennenswertem Wohlstand. Da war nicht mehr wie ehedem Verlegenheit, was mit dem Wein anzufangen sei: die Erwerbslust hielt ihn sorglich auf Lager und liess sich die Kosten für Verbesserung der Keller-Einrichtungen nicht reuen! davon zeugen noch heute in vielen Häusern vorfindliche Jahreszahlen.

Im Schloss Hard konnten im dortigen Keller allein wohl an die zehntausend Eimer gelagert werden,

Neben dem lohnenden Weinbau hatte dann begreiflich auch das Küferhandwerk gutes Gedeihen seine Arbeiten, Fässer, Standen, Zuber u. dgl. waren an dem Konstanzer Kilbimarkte ganz besonders begehrt.

Feuerwehr


Die älteste Bestimmung darüber, was bei Feuersbrünsten zu geschehen sei, findet sich in der Offnung mit den Worten:

 

„Wenn man Stürm lüt, so soll man an die Brugg laufen; es were denn, dass es prenn, so soll man zu dem für kehren. Was man sich denn einigt, dem soll man nachkommen, und welcher sich säumt und nicht käme, der ist dem Herrn von Ow fünf Pfund Pfenning verfallen und dem Flecken fünf Pfund."

 

Von spätern mangelt uns Bericht.

1725 wurde die Anschaffung einer Feuerspritze beschlossen. Wohl etwas zu volltönend für die Leistungskraft war an derselben zu lesen:

 

Obwohl das Feuer 

brennt ungeheuer,

lösch ich mit Macht

bei Tag und Nacht.

Von Brandunglück scheint Ermatingen selbst in früherer Zeit so selten heimgesucht worden zu sein, dass, als 1796 das Haus des Jakob Geiger im Aussendorf abbrannte, dieses mit dem Bemerken aufgezeichnet steht, es sei dergleichen wohl bei zweihundert Jahren nie vorgekommen.

Postboten


Wer in diesen Zeiten Briefe absenden wollte, tat dieses durch den jede Woche zweimal, Sonntags und Donnerstags, von Schaffhausen nach Konstanz und von dort Dienstags und Samstags zurückkehrenden reitenden Postboten, welcher jeweils seine Ankunft durch ein Rufhorn ankündigte,

und vor der Wirtschaft des Steuerpflegers Kreis dafür kurze Rast machte, wobei er die Besorgung der abzugebenden Postfachen, wenn in Gewärtigung solcher der Empfänger nicht selbst zugegen war, der Gefälligkeit des Wirtes überliess, ohne sich weiter darum zu bekümmern.

 

Oder man fand Gelegenheit dadurch, dass jede Woche mehrmals jemand nach Konstanz ging, der sich ein Geschäft daraus machte, dort Aufträge zu besorgen und der mit andern solchen Boten aus verschiedenen Gegenden des Landes zusammentraf, wobei sie gegenseitig, was für die ihrige bestimmt, miteinander austauschten.

1798 - Unabhängigkeit des Thurgaus


Die von Frankreich aus verkündeten Ideen von Freiheit und Gleichheit hatte schon ohne diese im Volke gezündet, und die erste Frucht davon war das Begehren, sich von der Leistung des Leibfalls und Lasses loskaufen zu können. Fallpflichtig waren zur Zeit in Ermatingen 273 Haushaltungen.

 

Leibfall und Lass, die ihn zum Bezug des besten Stückes der Jahrhabe aus dem Nachlasse eines Verstorbenen berechtigten, hatten ihre ursprüngliche Härte verloren und waren mehr zu

einer bloßen Erbschaftssteuer geworden.

Da ohnehin durch den Syndikatsbeschluss vom 9. Juli schon die regierenden Orte bereits das Recht, sich loskaufen zu können, anerkannt hatten, konnte es sich nur um den Preis handeln. Am 9. September kam eine Vereinbarung zustande: die Gemeinde verpflichtete

sich dafür, auf Martini 2184 Gulden zu bezahlen.

 

Die sämtlichen Unkosten inbegriffen, kam laut Gemeinderechnung der Loskauf im ganzen auf 2213 Gulden und sechs Kreuzer zu stehen.

 

Das Betreffnis eines jeden daran wurde nach Stand und Vermögen angeschlagen.

Einquartierungen


Als drei Jahre später es sich darum handelte, auch von den regierenden Orten den Verzicht auf ihre hergebrachten Hoheitsrechte und die Anerkennung des Thurgaus als freies und selbständiges Bundesglied zu erwirken, glänzte Ermatingen nicht durch eigene Tätigkeit, und es gab auch, als am 3. März 1793 die Freierklärung urkundlich zugesichert wurde, mancherlei Bedenklichkeiten.

 

Die Fischer vorab fürchteten, die neue Ordnung werde eine Schmälerung ihrer bisherigen Befugnisse zum Fischen im ganzen Umfange des bischöflichen Herrschaftsgebietes zur Folge haben, und der Enthusiasmus war nicht groß, als man nach dem Beispiele anderer Gemeinden auch an die Aufrichtung eines Freiheitsbaumes ging, und zwar eines solchen im Oberdorf und eines andern im Staad. Mit Trommeln und Pfeifen war der Baum auf den Stediplatz herunter geschleppt worden; aber zu seiner Ausschmückung hatte niemand Lust mitzutun, bis einer der „Patrioten" sich mit der drastischen Anrede an die Zuschauer wandte: „Ihr Weibsbilder da, was keine Hure ist, die gibt einen Bändel dazu her!" Das half.

     

Wohl klangen die Worte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" angenehm ins Ohr; aber ihre Begleitschaft waren vermehrte Abgaben unter allerhand neuen und ungewohnten Titeln, und dabei brachte noch die Nähe von Konstanz als einem wegen des Rheinübergangs strategisch wichtigen Punkt seit dem Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Österreich fast ununterbrochen schwere Einquartierungslasten, Requisitionen und Sorgen aller Art.

Von Einquartierung blieben auch arme Leute nicht verschont, wenn nur irgendwie eine verfügbare Räumlichkeit bei ihnen vorausgesetzt werden konnte.

Hans Georg Mayer, Gerber, hat über seine vom 27. Oktober 1798 bis 30. Oktober 1800 gehabte Einquartierung ein Tagebuch geführt und verzeichnet als solche während dieser Zeit 344 Mann, zumeist 3, 4, 5 auf einmal, ja den 10. April 1799 sogar 10 Chasseurs, letztere mit dem Bemerken, dass sie sich sehr schlecht betrugen mit Stehlen und grossen Händeln. Zumeist hatten die Einquartierten mehrtägigen Aufenthalt, so dass die Einquartierung in diesen 733 Tagen 1717 Beherbergungen und Verpflegungen gleichkommt.

 

Im allgemeinen gaben die Bürger den Franzosen vor den Österreichern den Vorzug, trotzdem dass sie mit ihren Ansprüchen es den letztern vortaten; musste doch sogar einem im Hard einquartierten

französischen Brigadegeneral selbst das Postpapier zu seinen Privatbriefen geliefert werden.

 

Müde und gleichgültig nahm man es hin, als nach der Schlacht bei Stockach am 25. März 1799 die Franzosen ihre bisherige Aufstellung in der Seegegend verliessen und österreichische

Einquartierung nachfolgte.

Massenas Siege über die verbündeten Österreicher und Russen zwang dieselben, sich auf das deutsche Grenzgebiet zurückzuziehen, wo sie unter Korsakow zur Haltung der Rheinübergänge bei Büsingen, Diessenhofen und Stein Stellung nahmen.

Von neuem kam damit die ganze Landesgegend entlang dem linken Rhein- und Seeufer in die Gewalt der Franzosen.

 

Zum großen Schaden an der Gemeindewaldung in der Stelli lagerten dort während etwa sechs Wochen an 2000 Mannes als Beobachtungsposten gegen Konstanz und zur

Sicherung der Strasse landeinwärts, wobei von denselben alles grobe Holz, Eichen, Buchen und, was ihnen als Nutzholz sonst dienlich war, umgehauen wurde.

 

Unter den Leiden Ermatingens spielt vorab die Einquartierungslast die Hauptrolle, und man hat wahrlich Mühe zu begreifen, wie ausgehalten werden konnte, was eine in der Gemeindelade sich vorfindende Aufrechnung davon berichtet. Laut derselben mussten bis am 11. Dezember 1799 von den Bürgern verpflegt und beherbergt werden:

1'124 französische Oberoffiziere,

43'967 Mann Infanterie,

5'169 Kavallerie,

776 schweizerische Infanterie.

 

Die Gemeinde hatte für die Kosten aufzukommen. So stellen sich die Kosten auf vierzigtausend und einundzwanzig Gulden.

Unter gewaltigem Wintersturm und Regen hielt am Silvestertag 1799 das achtzehnte Jahrhundert seinen Abschied und hinterliess seinem Nachfolger mit der Tilgung einer Schuldenlast

eine Aufgabe wie keines seiner Vorgänger.

(Es sollte 30 Jahre dauern, bis die Gemeinde diese Schulden abgetragen hatte, damals also eine Generation).

Napoleon und der Thurgau


Napoleon war ja eine ambivalente Figur: Einerseits hat er unsagbares Leid über Europa gebracht und war ein rücksichtsloser Machtpolitiker.

 

Andererseits führte er in der Schweiz und im Thurgau den "Code civile", den Vorgänger unserer Zivilgesetzbuches, das u.a. die Abschaffung des Untertanenstandes, Vorrechte von Adeligen, Folter, Todesstrafe oder Zunftzwang  mit sich brachte.

 

Napoleon "befreite" 1798 den Kanton Thurgau aus der Untertanenschaft (der Eidgenossen übrigens!) und schuf 1803 mit der Mediation die heutige Zusammensetzung der Eidgenossenschaft mit gleichberechtigten Kantonen.

 

Die Freiheit verdanken wir Thurgauer also einem Franzosen, keinem Eidgenossen...

 

Aus diesem Buch "Napoleon und die Schweiz" zitiere ich gerne das Kapitel über den Thurgau S. 143 ff.:


Der Thurgau war seit 1460 eine Gemeine Herrschaft, die in einer Art «Museum des Spätmittelalters» aus zahlreichen geistigen und weltlichen Gerichtsherrschaften bestand. Seit Jahrhunderten war die Region ein Untertanengebiet, in dem sich verschiedene Herrschaften die Untertanen teilten. Ein Grossteil der Bauern war durch hohe Feudallasten stark verschuldet und der Lebensstandard ärmlich. Missernten und Bevölkerungswachstum machten die Lage in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts für weite Teile der Bevölkerung oftmals existenzbedrohlich. Es ist daher nur zu verständlich, dass das Gedankengut der Französischen Revolution, deren Sogwirkungen die Region erstmals im Jahr 1793 erreichten, besonders im Thurgau auf einen breiten Nährboden traf.

 

Der Sturm des Jahrhunderts, also die französische Armee, erreichte den Thurgau wie die übrige Schweiz im Frühjahr 1798. Zwei Tage vor dem Fall von Bern konstituierte sich am 3. März der neu geschaffene Kanton Thurgau, wobei in direktdemokratischem Prinzip erstmals in dessen Geschichte Urversammlungen einberufen und Wahlmänner bestimmt wurden. Kurioserweise fand sowohl in dieser Anfangsphase als auch während der gesamten Helvetik im Thurgau kein wesentlicher Wechsel der Eliten statt. Hierbei bildete der Thurgau innerhalb der Eidgenossenschaft eine Ausnahme, da in den anderen Orten der Schweiz meist politisch unerfahrene Bürger in die neuen Gremien gewählt wurden.

 

So war der neue Kanton Thurgau endgültig aus der Taufe gehoben. Am 12. April 1798 wurde der Kanton eine Verwaltungseinheit der zentralistischen Helvetischen Republik, in der die «Gesamtheit der Bürger» den Souverän stellte. Gemäss den Ideen der Aufklärung galt im neuen Staat das Prinzip der Gewaltenteilung. Oberster Beamter in Frauenfeld war ein Regierungsstatthalter der Zentralregierung; als legislatives Organ fungierte eine Verwaltungskammer,  und die Judikative lag in den Händen eines Kantonsgerichts. Während der Helvetik war es für die Thurgauer Bürger und sogar für die Bürgerinnen erstmals möglich, sich mit ihren Belangen an einen hohen Beamten zu wenden, der sie ernst nahm.

 

Dennoch erlebten die meisten der 28'500 Einwohner die Gründungszeit ihres Kantons als wenig glücklich. Die Bevölkerung hatte die erdrückende Last Tausender französischer Soldaten zu tragen, die sie nicht nur einquartieren und verpflegen musste, sondern für die sie auch zahlreiche unbezahlte Arbeiten wie Fuhrdienste und Schanzarbeiten zu leisten hatte.

 

In den Kriegsjahren 1799/1800 waren die Not und der Hunger im Thurgau nahezu grenzenlos. Ein Zeitzeuge erinnerte sich: «Es war nämlich zugleich auch das Jahr 1799 das rauste und unfruchtbarste des ganzen Jahrhunderts gewesen. Ein aussergewöhnlich strenger Winter, ein nasser und kalter Frühling und grosse Beschädigungen an Reben und Fruchtbäumen vernichteten alle Aussichten auf eine auch nur einigermassen ordentliche Ernte. Am ergiebigsten würde noch die Kartoffelernte gewesen sein, aber auch diese kam dem Landmann nicht zugute, da sie von den Soldaten auf den Äckern halbreif ausgerissen wurden. Und dazu gesellten sich bösartige Krankheiten bei Menschen und Vieh, die gewöhnlichen Begleiter grosser Armeen.»

 

Die durch den schlechten Winter, Seuchen, Einquartierung und Krieg verursachte Armut war auch im Thurgau die Hauptursache für das Scheitern der Helvetischen Republik. Hinzu kam, dass die Gehälter der Beamten aufgrund der Finanzmisere entweder verspätet oder gar nicht ausbezahlt wurden – was eine Stelle in der Verwaltung des neuen Staats alles andere als erstrebsam machte.

 

Als Napoleon Mitte 1802 die französischen Truppen aus der Schweiz abzog, kam es im Thurgau wie bereits 1799 zum raschen Zusammenbruch der helvetischen Behörden — allerdings erneut unter Beibehaltung eines politischen Hauptverantwortungsträgers. Der vormalige Regierungsstatthalter Johann Ulrich Sauter bildete mit sich selbst an der Spitze eine provisorische Regierung. Diese verfolgte das Ziel der Schaffung eines selbstständigen Kantons in einem föderalistischen Schweizer Staatenbund.

 

Tatsächlich führte Napoleons Einberufung der Mediation nach Paris dazu, dass die Absichten Sauters im Februar 1803 in weiten Teilen politische Realität wurden - der Thurgau wurde ein selbstständiger und gleichberechtigter Kanton der Eidgenossenschaft. Dank der mächtigen Unterstützung des russischen Zaren Alexander I. gelang es dem Thurgau 1814/15 auf dem Wiener Kongress, entgegen Berns Wiedereinverleibungsversuchen, seinen dauerhaften Bestand zu sichern. Die kontinuierliche Fortentwicklung des im Geist Napoleons geschaffenen modernen Staatswesens dauert bis auf den heutigen Tag an.

Fortsetzung der Aufzeichnungen durch Hermann Steiger

Hermann Steiger, "a. Lehrer"
Hermann Steiger, "a. Lehrer"

Die aufschlussreiche Zusammenstellung der Geschichte Ermatingen von August Mayer endet etwa ums Jahr 1800.

 

Für die Fortsetzung greifen wir auf die Festschrift von H. Steiger zur 500-Jahr-Feier der Zugehörigkeit des Thurgaus zur Eidgenossenschaft aus dem Jahre 1960 zurück, in der er vorerst die Arbeit von Mayer zusammenfasst, dann aber in etwas kürzerer Form die Geschehnisse des 20. Jahrhunderts festhält.

 

"H. Steiger, a. Lehrer" war übrigens der Vater der "Chindergartetante" Fräulein Luise Steiger, zu der noch viele von uns Ermatingern in den "Chindi" gegangen sind.


Hochwasser


Die exponierte Lage des Dorfteils Staad hatte die fatale Folge, dass zum mindestens alle paar Jahre das Hochwasser des Sees in die Keller, Stuben und Kammern eindrang und oft wochenlang darinblieb.

Die Gefährdung der Bewohner in hygienischer Hinsicht durch Überlaufen der Dunggruben, Jauchekästen und Brunnenvergiftungen waren die schlimmen Begleiterscheinungen, die stets befürchtet werden mussten. Beim Zurückweichen des Wassers blieben die Übelstände jeweils noch lange bestehen.

Ablösung von Fall und Lass (Todesfall und Erblass)


Als 1795 dem Thurgau die Auflösung des Fallrechtes zugestanden wurde, war man in Ermatingen rasch zu Verhandlungen bereit, eine Ablösesumme zu vereinbaren. Die Gemeinde verpflichtet sich, auf Martini 1795 2184 Gulden bereit zu halten.

Wie sehr die Bevölkerung darauf drängte, diese uralte, verhasste Abgabe endlich loszuwerden, zeigte sich in der Bereitwilligkeit, mit der innert einer Woche von den Bürgern ihre Betreffnisse geleistet wurde, und das ungeachtet der Teuerung jenes Jahres.

Im Bürgerarchiv liegt ein Zehend-Ablösungsbuch von 1817-22, worin jedem Grundbesitzer die schuldende Auslösungssumme für eine löbliche Frühmesspfrund, wie auch löbliche katholischer Pfarrpfrund und tit. Junker Zollikofer im Hard festgesetzt sind. Die Ablösung der Gefälle des ehemaligen reichenauischen Amtes (nunmehr Staates Thurgau) fand erst 1839 statt.

Einquartierungen während der Koalitionskriege


Beim Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Österreich-Russland wurde unsere strategisch wichtige Gegend wieder durch dauernde Einquartierungen, Requisitionen und andere Leistungen schwer belastet.

Je nach Kriegslage wechselten mehrmals die Besetzungen durch Franzosen und Österreicher. Gegen Ende des Jahres 1799 lagerten in der Stelli während mehrerer Wochen ca. 2'000 Mann französische Truppen als Beobachtungsposten gegen den Rheinübergang in Konstanz. Der Schaden, den diese Truppen durch das Schlagen des besten Nutzholzes zu Heizmaterial etc. anrichteten, wurde auf mindestens 3'000 Gulden angeschlagen.

Zudem ruinierten die französischen Soldaten im Rathaus Fenster und Mobiliar zu wohl 200 Gulden. Bis zum Ende des Krieges machten die Unkosten der Gemeinde die horrende Summe 58'965 Gulden aus.

Diese Schuldenlast hemmte die Gemeinde und machte ihr schwere Sorgen. "Gemeinde und Bürger, beiden gleichen an der Wende des Jahrhunderts einem Menschen, dessen Körperkräfte durch allzu reichlichen Aderlass erschöpft sind."

Erst 1834 gelang es, einen Tilgungsplan aufzustellen, der notgedrungen Zustimmung fand und durchgeführt werden konnte. Doch haben beide, Gemeinde und Bürger, diesen Schwächezustand mit Hilfe der Zeit überwunden.

Verbesserungen in der Landwirtschaft


Die bäuerliche Bevölkerung erhielt durch den Kartoffelanbau, dessen Einführung um ca. 1760 sie dem junker Zollikofer im Hard verdankte, einen neuen Impuls. Dau kamen noch bedeutende Änderungen im landwirtschaftlichen Betrieb: Aufhebung des Weideganges und der Brachfelder, Einführung der Stallfütterung und damit der Düngung.

Handwerk


Auch das Handwerk kam zu besseren Zeiten, die Berufsarten wurden zahlreicher. Eine Urkunde aus dem Grundstein zum Schulhause führt eine lange Reihe von Handwerken und Berufen auf, die damals ausgeübt wurden.

Die Ermatinger Handwerker und Gewrbetreibenden zeigten ihre Produkte gerne in den damals aufkommenden Gewerbeausstellungen. Meistens figurierten Ermatinger unter den Preisträgern.

 

Auch die damals florierende Stickerei  hielt Einzug in einem dafür erstellten Gebäude (die jetzige Waagenfabrik Ammann & Co).

Hungersnot 1816 / 17


Die schlimmen Hungerjahre 1816/17 verursachten auch in unserer Gemeinde grossen Notstand.

In jenen Jahren zeigte sich wieder der Wohltätigkeitssinn der Familie Zollikofer im Hard, als von 250 Bürgern nur noch 90 im Stande waren, anderen etwelche Unterstützung leisten zu können.

Vom Februar bis August 1817 mussten, Anderem gar nicht zu gedenken, täglich 110-120 Personen auf dem Gemeindehaus mit Rumfordscher Suppe, die Portion zu 1/2 Mass, gespiesen werden. Die Kosten hiefür bestritt Hard während drei Tagen der Woche ganz allein, und Pfarrer und Vorsteher der schwer bedrängten Gemeinde hatten nur zu oft keinen anderen Rat als den Gang ins Hard und dessen Vorschüssen an Geld und Naturalien.

Ein neues Gredhaus


1818 erstellte die Gemeinde ein neues Gredhaus, nachdem das alte im Jahre zuvor durch Hochwasser unterspült worden und dem Abbruch verfallen war.

In jener Zeit wurde auch der Schützen- und Scheibenstand an den See verlegt. Der Grund dafür waren wohl die weiter tragenden Gewehre. Der Schützenstand war das noch jetzt bestehende Nebengebäude hinter dem Gredhaus. Der Schiebenstand wurde im See, ungefähr auf der Höhe des Hirschen, aufgerichtet.

Gründung des Kantonal-Schützenvereins


1835 war Ermatingen Gründungs- und erster Festort des Kantonal-Schützenvereins. Die Bilder der Gründer Kantonsrat Hartmann Friedrich Amman und Prinz Louis Napoleon auf Arenenberg sind noch heute im Hirschen, der damaligen Schützenstube, zu sehen.

Das neue Spital


Weil das alte "Spitöli", das aus dem Jahr 1746 stammte, nach "neueren Ansichten" auch gar zu primitiv war, beschloss die Gemeinde 1837, ein neues und besseres zu bauen. Es ist das Haus, in dem sich heute das Restaurant zur Linde befindet.

Schlimme Jahre 1840-55


Die Jahre 1840-55 müssen wieder schlimme gewesen sein. Ungünstige Witterung und häufige Unwetter verursachten Kulturschäden und Missernten. Besonders die Kartoffelkrankheit hatte grosse Ausfälle zur Folge. 1847 erging vom Kleinen Rathe des Thurgaus eine Aufforderung an die Gemeinden:

a) Sparküchen einzurichten

b) zur Unterdrückung des Bettels Ortswachen aufzustellen

Auch in unserer Gemeinde wurde wahrscheinlich beides nötig. Noch von 1855 liegt eine Rechnung über den Betrieb der Suppenküche im Archiv.

Bau der Eisenbahn 1875


1875 eröffnete die Nationalbahn den Betrieb. An deren Bau beteiligte sich die Gemeinde durch Übernahme eines Paketes Aktien, die aber leider nach kurzen Jahren beim Konkurs der Bahn für die Gemeinde zu einem starken Verlustposten wurden.

Die Wasserversorgung


Mit dem Anwachsen der Bevölkerung und der Zahl der Gebäude, sowie namentlich auch im Hinblick auf die Verhältnisse im Staad, machte sich das Bedürfnis einer Wasserversorgung geltend. Das Vorhandensein ergiebiger Quellen im Bürgerwalde ermöglichte die Erstellung eines Reservoirs auf dem Drovettisberg und einer Druckleitung für Trinkwasser und Löschzwecke. Diese Anlage wurde 1897 in Betrieb genommen und ersetzte die ungefähr 30 Pumpbrunnen im Dorfe. Dieses fortschrittliche Werk bildete einen würdigen Abschluss der Gemeindetätigkeit im 19. Jahrhundert.

Bauboom


Die landschaftliche Schönheit unserer Seegegend zog schon seit langer Zeit Besucher an, die für kurze oder lange Zeit bei uns Aufenthalt nahmen und sich sogar niederliessen. Diese Naturfreunde wählten sich für ihr Heim mit gutem Geschmack und künstlerisch geschultem Blick die schönsten Punkte zu Bauplätzen. Das führte zu starkem Ansteigen der Bodenpreise und mit der Zeit auch zu einem teilweisen Mangel an Bauland.

Industrie


Als sich auch die Industrie in unserm Orte zu entwickeln begann und grössere Bauten das Dorfbild veränderten, gab es häufige Meinungsverschiedenheiten zwischen den Dorfbewohnern. Die einen sahen das Eindringen der Industrie sehr ungern, da sie fürchteten, Ermatingen werde als Fremdenort Einbusse erleiden. Die andern aber waren froh, dass sich neue Verdienstmöglichkeiten boten, weil Fischerei und Landwirtschaft im Rückgange begriffen waren.

Auswanderung


Schon im letzten, ja auch im vorletzten Jahrhundert zogen viele junge Männer wegen mangelnder Möglichkeit, eine Existenz zu finden, in die Fremde, sei es in unsere weitere Heimat oder aber ins Ausland, sogar übers Meer. In aller Welt leben jetzt Bürger unseres Dorfes. Nicht dass sie ihre einstige schöne Jugendheimat vergässen, oft kommen sie am Feierabend ihres Lebens wieder zurück in ihr liebes, schönes Ermatingen.