Napoleon I. Bonaparte


Ihn kennt die ganze Welt - über ihn sollen nach der Bibel am zweitmeisten Bücher gedruckt und gelesen worden sein: Napoleon Bonaparte, der spätere Kaiser Napoleon I.

 

Doch sofort wird's kompliziert: es gibt nicht nur einen Napoleon, sondern vier:

ein Propagandabild von 1858
ein Propagandabild von 1858

Auf diesem Bild sind sie zusammengezeichnet worden:

  • Napoleon I. Bonaparte, oben, der "ganz Berühmte" sozusagen
  • Napoleon II. links, sein einziger leiblicher Sohn. Ihn kennt fast niemand; er starb erst 21-jährig an Tuberkulose.
  • Napoleon III., Neffe von Napoleon I., verbrachte seine Jugendjahre auf Arenenberg, damals unter dem Namen Louis Napoleon
  • Napoleon IV., sein Sohn, starb mit 23 Jahren im Kampf gegen die Zulus in Südafrika.

Die erste Enttäuschung gleich vorweg: Napoleon Bonaparte hat nichts mit dem Napoleonturm  zu tun - aber mit dem Thurgau und der Schweiz sehr viel.


Der Napoleonturm geht auf Louis Napoleon, den späteren Kaiser Napoleon III. (und Charles Parquin von der Fremdenpension Wolfsberg) zurück.

Vier Napoleons:


Suchen Sie also diese vier Napoleons auf diesem Stammbaum:

ein Auszug aus dem Stammbaum der Napoleonischen Familie mit den vier Napoleons
ein Auszug aus dem Stammbaum der Napoleonischen Familie mit den vier Napoleons

Napoleon I., eine ambivalente Figur


Es gibt nichts zu beschönigen: 

Napoleon eroberte fast ganz Europa (ausser seinen Erzfeind England); er brachte dabei unendliches Leid in die eroberten Gebiete und hat eine Million Tote auf dem Gewissen. Er war ein rücksichtsloser Machtpolitiker und ging für seine Ziele buchstäblich über Leichen.


Doch Napoleon hat auch Gutes getan, insbesondere für uns Thurgauer:


Der Thurgau als Untertanengebiet der Eidgenossenschaft


Vergessen wir aber nicht: 1460 hatten die Eidgenossen den Thurgau erobert. Fast 350 Jahre lang war der Thurgau Untertanengebiet der Acht alten Orte. Diese stellten abwechslungsweise im Zweijahresrhythmus den Landvogt, der dann im Schloss Frauenfeld residierte und mit unerbittlicher Härte die Zinsen und Zehnten der Thurgauer eintrieb.

 

Die Redewendung "die Thurgauer haben lange Finger" geht übrigens auf diese Landvögte zurück. Sie waren aus Sicht der anderen Eidgenossen "die Thurgauer", die zwei Jahre lang Zeit hatten, um sich mit allen Mitteln zu bereichern...

die Wappen der "Acht alten Orte" am Wirtshausschild des Hauses zum Schiff in Ermatingen
die Wappen der "Acht alten Orte" am Wirtshausschild des Hauses zum Schiff in Ermatingen

"Der Thurgau ist frei!"


Bald nach der Französischen Revolution („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, also Aufhebung der Vorrechte und Untertanenschaften) zeichnete sich der Einmarsch der französischen Truppen in die Schweiz ab, und es war abzusehen, dass diese die Ungleichheiten in der Schweiz abschaffen würden.

die "Freiheitstreppe" vor dem Trauben in Weinfelden
die "Freiheitstreppe" vor dem Trauben in Weinfelden

Mutige Politiker um Paul Reinhard packten die Chance, sich aus dem Joch der acht Alten Orte  zu befreien.

 

Am 1. Februar 1798 rief Reinhard von dieser Freiheitstreppe vor dem Gasthaus Trauben in Weinfelden die Freiheit für den Thurgau aus.


Kurz danach ratifizierte die Tagsatzung der Eidgenossenschaft gezwungenermassen die neue Freiheit des Thurgaus - nur zwei Tage später marschierten die Franzosen dann tatsächlich ein und bildeten wie gesagt eine "Einheitsschweiz", die Helvetische Republik.

Eroberung der Schweiz 1798 und Bildung der Helvetischen Republik


Napoleon war es also (genau genommen nur seine stellvertretenden Generäle), der die Schweiz in ihrer siebenhundertjährigen Geschichte das einzige Mal erobert und besetzt hatte.

Er bildete von 1798 bis 1803 die zentralistisch organisierte Helvetische Republik.

 

Ohne ihre altgeliebten Kantone wurden die Eidgenossen aber nicht glücklich; sie forderten bald die alten Strukturen von Napoleon wieder zurück (Bern hatte zum Beispiel schon Truppen zusammengezogen, um die ehemaligen Untertanengebiete Waadt und Aargau wieder zurückzuerobern!).

 


Die Mediationsverfassung von 1803


Napoleon erkannte auch, dass die Eidgenossen nicht ohne ihre identitätsstiftenden Kantone leben wollten und verordnete mit der "Mediationsverfassung" 1803 einen neuen Staatenbund aus gleichberechtigten und freien Kantonen. Unsere heute Schweiz geht auf diese Mediationsverfassung zurück.

Deshalb steht auf der Rückseite der Schulkarte Schweiz: "Eintritt in den Bund: Thurgau 1803"

 

Man könnte also sagen, dass es den mächtigen Arm eines Ausländers gebraucht hatte, um den Thurgau aus der Knechtschaft der Eidgenossen zu befreien...

Schmerzhafte Einquartierung französischer Truppen


Trotzdem wurden die französischen Truppen in der Ostschweiz nicht als "Befreier" wahrgenommen. Unsere Dörfer mussten während der Koalitionskriegen 1798/99 lange Zeit französische Truppen einquartieren, verpflegen und finanzieren, was äusserst schmerzhaft gewesen sein muss.

Diese bitteren Erfahrungen haben die Erinnerung an die Franzosen noch über Generationen geprägt.

200-Jahr-Feiern der Unabhängigkeit im Jahre 2003


die Napoleonfigur unter dem Scheunenvordach der Familie Wittwer in Helsighausen
die Napoleonfigur unter dem Scheunenvordach der Familie Wittwer in Helsighausen

Ein deutscher Historiker hat einmal geschrieben, dass sich ehemalige Untertanengebiete wie der Thurgau oder die Waadt wohl zu wenig bewusst sind, dass sie Napoleon die Gleichberechtigung mit den anderen Kantonen und die "Aufnahme in den Bund" zu verdanken haben.

 

Eine löbliche Ausnahme davon bilde der Kanton Aargau, der an den 200-Jahres-Unabhängigkeitsfeiern 2003 Napoleon mit einer 6m hohen Sagex-Statue gedacht hätte.

 

Es ist diese Figur, die Sie vielleicht auch schon gesehen haben: sie steht heute unter dem Scheunenvordach der Familie Wittwer in Helsighausen. 

 

Diese Statue war nach den Feiern in Aarburg AG über die Gerüstbaufirma Nüssli zu "Militärhistoriker" Heinz Nater und nun zu Willi Wittwer nach Helsighausen gekommen.


Suchen Sie auf, wenn Sie das nächste Mal in Helsighausen vorbeikommen!

 

Sie finden sie genau hier.



Zwei Wanderungen führen an dieser Statue vorbei:

Der "Code Civil", das Zivilgesetzbuch


Noch eine Errungenschaft, die heute selbstverständlich erscheint, hat Napoleon der Helvetik verordnet: der "Code Civil", ein Vorläufer des heutigen Zivilgesetzbuches.

 

Es brachte beispielsweise

  • die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz
  • die Aufhebung von Untertanenschaften oder Vorrechten
  • den Schutz des Privateigentums
  • die Gewerbe- und Berufswahlfreiheit
  • ein einheitliches Familien- und Erbrecht
  • die Aufhebung der Folter

Napoleon hatte selbst gesagt: "Waterloo wird die Erinnerung an so viele meiner Siege auslöschen. Was aber durch nichts ausgelöscht werden wird, was ewig bleiben wird, ist mein Code Civil."

Ein verwirrliches Durcheinandern von Masseinheiten


Die örtliche Mass- und Gewichtshoheit gehörte zur Grund- und Gerichtsherrschaft und wurde von den Herrschaften (Klöster, Adel, Städte) für ihre kleinräumigen Untertanengebiete festgelegt und kontrolliert. Es herrschte ein undurchsichtiges und verwirrliches Durcheinander von lokal und regional unterschiedlichen Masseinheiten.

 

Längen wurden zum Beispiel in Ellen, Füssen oder „Schuhen“ gemessen, wobei ein Appenzeller Schuh naturgemäss kürzer war als ein Berner Schuh. Dann existierten auch Alte und Neue Schweizer Schuhe:

Diese Landkarte im Thurgau ist sogar in "Nürnberger Schuhen" vermessen worden:


Die Fläche der Reben pflegte man in „Manngrab“ anzugeben, also der Fläche, die ein Mann in einem Tag umzugraben vermochte, aber schon damals waren nicht alle Rebbauern gleich früh aus den Federn gekrochen und zeigten sich unterschiedlich tatkräftig und tüchtig… 

Erklärung dieser Skala aus dem Rebkataster Arenenberg von 1819:

"Dieses ist ein Decimallschu, und 25'600 dieser Schu sind auf ein Juchart gerechnet worden,
1 Juchert ist in 10 Mangrab eingetheilt".

 

Umgerechnet weist also ein Quadrat von 140 Dezimalschuh Seitenlänge eine Fläche von einer Juchart oder 1/10 Manngrab auf. Eine Juchart betrug meist zwischen 30 und 40 heutigen Aren. Rechne...


Gewichte wurden in (verschiedenen) Mass, Vierteln und Pfund angegeben, Wein in Saum, Bränte oder Eimern gemessen, Flächen in Klaftern oder Manngrab, Volumen in Kubikklaftern, Getreidemasse wie Sack oder Mütt beruhten auf "Mannslast", also das, was ein Mann tragen konnte usw...


"Ein Ochse hat gewogen 3 Zentner 4 Stein 20 Pfund. Wie viel sind das zusammen?"

Dieses Masssystem hat denn auch aufwendige Berechnungen nach sich gezogen, zum Beispiel in der Primarschule Ermatingen:

Napoleon führt das Dezimalsystem ein


Napoleon ersetzte dieses Durcheinander der lokalen Masseinheiten mit dem heutigen Dezimalsystem, das also 10-, 100- oder 1000-teilig ist; also Meter, Zentimeter, Millimeter und Kilometer, aber auch m² und m³.

(also nicht mehr 25'600-teilig wie Quadratschuh-Juchart...)

Zwei Masssysteme in der heutigen Welt


Napoleons trotzige Feinde aus England machten bei dieser Massumstellung natürlich absichtlich nicht mit und messen bis heute ihre Längen in feet, yards, inches oder miles, wägen sich in pounds, trinken Bier in pints, tanken Benzin in Gallonen und messen ihr Fieber in Fahrenheit und fahren auf der Strasse links...

 

Natürlich haben sie ihre Masseinheiten auch ihren Kolonien weitergegeben, insbesondere Nordamerika.

Könnten Sie dort zum Beispiel Ihre Körpermasse (in feet und inches) und Ihr Gewicht (in pounds) angeben...?


und so müssen wir vielerorts Masse in zwei Einheiten angeben, damit auch die Engländer wissen, wie hoch der Pilatus ist!
und so müssen wir vielerorts Masse in zwei Einheiten angeben, damit auch die Engländer wissen, wie hoch der Pilatus ist!

Spuren von zwei napoleonischen Kaisern auf Hohenrain


So finden sich heute auf Hohenrain Spuren von gleich zwei französischen napoleonischen Kaisern:

  • der Kanton Thurgau verdankt Napoleon I. die Freiheit und
  • Napoleon III. gründete den historischen Napoleonturm